Haustier Gesundheit

Stress gehört zum Leben

May 6, 2019
Johanna Esser

Geht es um das Thema Stress beim Hund, wird es schnell religiös. Da gibt es auf der einen Seite die Hundehalter, die ihren Hund am liebsten vor jeder Aufregung und jeder schwierigen Situation bewahren möchten und auf der anderen Seite diejenigen, die ihren Hund selbst dann durch jede Aufregung schicken, wenn er zittert, hechelt und fast kollabiert.  


Was ist Stress? Mit dieser Frage beschäftigen sich eine Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema Stress bei Mensch und Tier. Eine sehr umfassende Stressdefinition findet man bei Donald Broom, einem britischen Tierschutzforscher: „Stress findet dann statt, wenn die Anpassungsfähigkeit eines Tieres überfordert wird und dadurch das Tier auf lange Sicht Nachteile für Gesundheit oder Fortpflanzungsfähigkeit erleidet.“ Diese Definition schließt eine Reihe von Missverständnissen bereits aus. Beispielsweise gibt es danach keinen Unterschied zwischen negativem und positivem Stress mehr. Denn wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet, weil er gerade im Lotto gewonnen hat, ist er ebenso tot wie derjenige, der ihn erlitten hat, weil gerade sein Haus abgebrannt ist. Die Anpassungsfähigkeit überfordern kann aber auch bedeuten, dass das Tier an sich unterfordert ist. Wer kennt nicht die Hunde, die aus Langeweile und Reizarmut in Verhaltensstereotypien verfallen (z.B. ständiges jagen der eigenen Rute) oder sonstige Auffälligkeiten zeigen bis hin zur Selbstverstümmelung (Pfoten lecken, Zehnnägel ziehen).


Stress beim Hund erkennen. Stressanzeichen können vielfältig und individuell sein: Hecheln, Speicheln, Zittern, langgezogene runde Mundwinkel, hängende, nach hinten geklappte Ohren, eine geduckte Körperhaltung etc. sind allerdings deutliche Anzeichen dafür, dass der Hund sich derzeit gerade in dieser Situation unwohl fühlt. Auch wenn man selbst oder ein anderer Hund in derselben Situation kein Problem hat gilt es, die Leidensfähigkeit des jeweiligen Hundes zu achten. So wird der sensible Windhund eher Stress empfinden, wenn er zu „hart“ auf sein Fehlverhalten hin korrigiert wird, als der robuste Terrier.


Stress aushalten können. Die meisten unserer Hunde wachsen heute allerdings eher überbehütet auf. Jeder Schritt des Hundes wird akribisch überwacht und kritisch beäugt. Stress soll, wenn möglich, vermieden werden. Doch was ist falsch daran, Stress als etwas zum Leben dazugehöriges zu betrachten? Hunde müssen Stress leben und erleben, müssen merken und erfahren, dass sie stressige Situationen bewältigen können. Es wäre fatal, wenn Hunde keinen Stress mehr erleben dürften und folglich auch keine Anpassungsstrategien mehr entwickeln könnten.  


Dosierter Stress ist wichtig. Das Thema Stress wird häufig überbewertet. Auch viele Hundetrainer predigen, dass der Hund möglichst keinen Stress haben soll. Wie traurig. Wenn ein Hund nicht lernt mit Stress umzugehen, wird er mit der Welt und deren Anforderungen an den Vierbeiner von heute nicht klarkommen. Und das wiederum ist äußerst unfair. Das Gegenteil wäre wichtig: Dosierter Stress hilft dem Hund, sich artgerecht in unserer Welt zu entwickeln. Lebt ein Hund z.B. in einer Großstadt wie Berlin, Hamburg oder München, muss er zwangsläufig mit vielen Umweltreizen zurecht kommen, muss Bus-und U-Bahn fahren können, einen Maulkorb in vielen öffentlichen Verkehrsmitteln akzeptieren und anstandslos mit anderen Hunden und Menschen interagieren.


Viele Hundehalter fordern heute mehr von ihrem Hund, als sie von sich selbst verlangen: der Hund soll überall mit hinkommen, soll Sozialpartner, Jagdhelfer und Freizeitfreund sein, soll aber bitte keinen Stress haben. Wie soll das funktionieren? Die Desensibilisierung besagt (bei Hundetrainern sehr beliebt), dass Hunde langsam und schrittweise an Stressoren oder neue Situationen herangehführt werden sollen. Das Dumme ist nur, dass das Leben überraschend um die Ecke kommt und nicht planbar ist. Realistisch betrachtet, kann man einen Hund vor Stress also nicht schützen. Man kann ihn aber verantwortungsbewusst und einfühlsam auf stressige Situationen vorbereiten. Nehmen wir z.B. den Tierarztbesuch. Für viele Hunde eine stressige Situation. Hier bietet regelmäßiges Medical Training eine gute Möglichkeit, Stress zu minimieren. Unter Medical Training versteht man das Training von Verhaltensweisen, die der medizinischen Behandlung oder der Pflege dienen. Aufgrund der immensen Vorteile für das Tier, seinen Halter sowie seinen Tierarzt, gewinnt es in letzter Zeit immer mehr an Beliebtheit. Denn von Medical Training, dessen Ziel es ist, durch Stressreduktion die Lebensqualität zu verbessern, profitieren alle Beteiligten. Tiere, die sorgfältig auf Behandlungen vorbereitet werden und dabei mitbestimmen dürfen, haben weniger Stress und Angst. Sie nehmen gern und freiwillig an Untersuchungen teil und lassen sogar schmerzhafte Behandlungen über sich ergehen.


Beispiele für Stressoren. Denken wir Menschen an Stress, geht es häufig um Arbeitsüberlastung, psychischen Stress oder Reizüberflutung. Diese Faktoren sind sicherlich auch für Hunde als wichtige Stressoren zu benennen. Viele Hunde, die zu früh, zu heftig oder mit falschen Methoden in eine sportliche oder andere Ausbildungskarriere gezwungen werden, Hunde, die von Umweltreizen überflutet werden oder in unklaren Beziehungen mit vierbeinigen und zweibeinigen Familienmitgliedern leben, Hunde die trauern, wie auch Hunde, die völlig regel- und führungslos leben, sind zweifellos Patienten in der Stresspraxis. Jedoch sind, auch für Hunde, andere Umweltfaktoren wie etwa Kälte, Hitze, Hunger, oder auch Krankheiten, Narkosen, Verletzungen mit schwerem Blutverlust etc. ebenso stressauslösend und dürfen bei der Betrachtung der Folgeerscheinungen nicht vergessen werden.

Ob ein Hund eine Situation oder ein Ereignis als Stressor empfindet, hängt also von vielen Faktoren ab. Neben der Wahrnehmung und Verarbeitung von äußeren Faktoren, sind interne Faktoren (genetische Disposition, aber auch individuelle Vorerfahrungen und der Verhaltenszusammenhang, in dem die jeweiligen Wahrnehmungen auftreten) entscheidend wichtig für die subjektive Empfindung von Stress.

Stress mit Medikamenten behandeln. Auch in der Tiermedizin ist Stress bei Hunden mittlerweile ein großes Thema. Wenn Stress mit Medikamenten behandelt werden muss, kommen verschiedene Präparate infrage. Allen gemein ist in der Regel, dass Sie den Hund beruhigen sollen. In jedem Fall sollte die medikamentöse Behandlung von Stress immer mit einem Tierarzt abgesprochen und nie im Alleingang behandelt werden.


Eine Stressreaktion ist immer eine Gesamtreaktion des Organismus, an dem verschiedene hormonelle Vorgänge beteiligt sind. Man unterscheidet zwischen aktivem und chronischem Stress. Bei aktivem Stress wird die Situation kontrolliert und nach Beenden der Belastungen entsteht eine Erholungsphase, die zur Rückkehr in die Ausgangssituation führt. Bei chronischem Stress entsteht kurzfristig eine Mobilisierung der körpereigenen Reserven zur Anpassung an die Situation und langfristig entsteht eine Hilflosigkeit mit Kontrollverlust und Bildung von psychischen und physischen Erkrankungen. Chronischer, psychosozialer Stress beeinträchtigt negativ, d.h. die Lernfähigkeit wird stark beeinträchtigt bis unmöglich gemacht.


Die Möglichkeiten, Stress bei Hunden medikamentös zu behandeln, scheinen schier unbegrenzt. Allein im Internet finden sich unzählige Pillen, Pasten, Tabletten, Halsbänder und Pulver, um dem gestressten Hund Entspannung zu verschaffen.


Die Wirkung homöopathischer Produkte ist im Labor nicht nachweisbar. Man muss daran glauben oder am Hund beobachten, ob eine Wirkung eintritt. Mancher Hund verändert sein Verhalten allein deshalb, weil sich der Besitzer nun mehr um ihn kümmert.


Zylkene und Nutrazeutika, also Präparate die der Hund über die Nahrung aufnehmen kann, haben nachweislich eine leichte beruhigende Funktion. Sie müssen jedoch über einen längeren Zeitraum gegeben werden, mindestens einen Monat. Nebenwirkungen haben sie so gut wie keine.


Pheromone sind Stoffe die aus der Natur kommen und artspezifisch, also nur für die jeweilige Tierart wirksam sind. Adaptil beispielsweise, ist der gleiche Stoff, den auch die Hundemutter ausschüttet. Er wirkt entspannend, bindungsfördernd und schadet nicht. Ein Pheromon-Halsband kann z.B. einem eher schüchternen Welpen während der Sozialisationsphase helfen, entspannt seine Umwelt zu erkunden. Bei wirklichen Denkblockaden oder Problemen, reicht das aber nicht. Adaptil gibt es u.a. als Halsband und als Stecker für die Steckdose. Zwar sind im Handel auch Adaptil-Tabletten erhältlich, diese Bezeichnung ist jedoch irreführend, hierbei handelt es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel mit Aminosäuren und Vitamin.


Bei wirklichen Problemen reichen die oben erwähnten Stoffe und eine Eigentherapie des Hundehalters nicht aus. Hier benötigt man chemische Medikamente, z.B. Antidepressiva, die nur unter strenger tierärztlicher Beobachtung verabreicht werden dürfen.


Stress ist individuell. Jedes Tier ist, genau wie jeder Mensch, eine eigene Persönlichkeit. Es gibt Tiere, bei denen eine Medikation oder Nahrungsergänzung mit passenden Präparaten Sinn macht, es gibt aber auch solche, bei denen z.B. ein Verhaltenstraining mehr Sinn macht.


Der Service eines tierärztlichen Hausbesuches ist z.B. eine gute Möglichkeit, Stress beim Tier zu minimieren. Es gibt keine langen Wartezeiten und die Aufregung des vierbeinigen Patienten hält sich in Grenzen. Auch der gesundheitliche Zustand des Tieres oder des Tierbesitzers können der Grund für einen Hausbesuch sein. Sind Sie unsicher, ob ein Hausbesuch für Sie und Ihr Tier die richtige Wahl ist? Wir beraten Sie gern zu den Möglichkeiten.

News From Our Blog

Related Posts

Katzen

Toxoplasmose in der Schwangerschaft - Die Katze als Übeltäter?

Das Thema “ Toxoplasmose” wird für viele Menschen erst dann präsent und wichtig, wenn es um eine Schwangerschaft geht. Aber was ist eigentlich Toxoplasmose und was haben unsere Katzen damit zu tun? Hier erfahren Sie es!

Haustier Gesundheit

“Da ist doch der Wurm drin” - das Wichtigste zur Entwurmung Ihres Haustiers

Was ist nun die richtige Herangehensweise? Tierärzte raten gern eine regelmäßige vorsorgliche Entwurmung des Haustieres an, ohne vorab sicher zu stellen, ob das Tier überhaupt unter einem Wurmbefall leidet. Da könnte natürlich die Vermutung aufkommen, der Tierarzt spricht diese Empfehlung nur aus, weil er mit dem Verkauf entsprechender Entwurmungsmittel Geld verdienen möchte.

Haustier Gesundheit

Zecken beim Hund: Das sollten Sie als Hundebesitzer wissen

Der Winter ist passé: die Tage werden länger, die Sonne strahlt, es wird nach und nach wärmer. So werden wir alle wieder aktiver und genießen mehr Zeit im Freien und Grünen, worüber sich besonders unsere Vierbeiner freuen.Aber auch die Zecken, kleine spinnenartige Ektoparasiten, erwachen ab einer Umgebungstemperatur von ca. 5-10°C quasi vollkommen ausgehungert aus der Winterruhe, werden aktiv und warten am Waldesrand oder gar im Park auf einen sogenannten Wirt für ihre Blutmahlzeit. Dabei ist es ihnen gleich, ob ihr Opfer Mensch oder Tier ist. So klein und harmlos, wie sie auch aussehen mögen: die kleinen “Blutsauger” können viel Ärger bereiten!

View all the latest blog posts